Vom Sadismus, das Ei eines Freiläuferhuhns zu verlangen
Sonntag, 23. Dezember 2007 von Ariane
Ich habe ganz neue Einblicke in das Leben und Arbeiten des gemeinen Huhns gewonnen. Bisher haben mich Hühner nicht sonderlich interessiert. Sie gackern affektiert, scharren mit Vorfreude im Misthaufen und blicken einen mit schräg gelegtem Kopf vorwurfsvoll von unten an - so meine Vorstellung des glücklichen Eierlegers.
Neulich war Wochenmarkt in München. Meine Mutter gelüstete es nach dem Ei eines besonders glücklichen Huhns und schickte mich ergo, um Eier von affektiert gackernd im Misthaufen scharrenden Hühnern zu holen. Aber der Bauer sagte auf mein Verlangen hin: “Na, hören Sie mal, ich bin doch kein Sadist und schicke meine Hühner bei der Kälte nach draußen! Ich hab nur Eier aus Bodenhaltung.”
Also habe ich zehn Eier von Hühnern gekauft, die zwar nicht glücklich auf dem Misthaufen sitzen können, dafür aber im warmen Stall gebären.
Als ich am nächsten Morgen mein Ei aß, kam mir das Bild eines frierenden Huhnes in den Sinn. Wie es da so schlotternd und zitternd neben dem Misthaufen sitzt… Die Federn aufgestellt vor Kälte, den Kopf ganz eingezogen… Gackernd, nein, klagend, ganz und gar nicht affektiert, die Lider zusammengekniffen und pressend.
Und dann sah ich mich selbst vor meinem inneren Auge: Wie ich da bei Temperaturen um den Gefrierpunkt neben dem Misthaufen kauern würde, und ein Kind hervorpressen. Ich ließ den Löffel sinken. Von nun an, so fasste ich den Entschluss, würde ich im Winter nur noch nach Eiern aus Bodenhaltung verlangen. Nicht, dass das Ei am Ende noch von einem unglücklichen Freiläufer stammt. Das wäre ja nicht zu verantworten!
Andererseits, dachte ich, zwischenzeitlich beim letzten Löffel angelangt, hat so ein Huhn ja nicht umsonst Federn. Und so ein Schneehuhn muss seine Eier schließlich auch bei Kälte legen. Und überhaupt: Auch eine Henne freut sich sicher über eine Herausforderung. Vielleicht überkommt sie ja nach dem Eilegen auf gefrorenem Boden gar ein besonderes Glücksgefühl über die eben vollendete Leistung. Vielleicht sogar mehr als im Sommer, wenn sie unter der brennenden Sonne auf dem staubigen Boden neben dem gärenden Misthaufen hockt und ächzend vor Hitze presst…
Und als ich die zertrümmerte Schale meines Frühstückseis eines verwöhnten Bodenhaltungshuhns schließlich in den Abfall warf, war ich bei der Überzeugung angelangt, dass ich eigentlich auch im Winter nach Eiern verlangen sollte, die in der kalten Natur hervorgepresst worden sind. - Sonst müsste ich ja im Sommer Eier von Hühnern erbitten, die im klimatisierten Stall ein Ei aus ihrem gekühlten Federleib hervorstoßen durften. Das ginge dann doch ein bisschen zu weit. Auch wenn’s um das Glück der Hennen geht.
Nachbars Hühner sind heute fröhlich gackernd über den Hof gelaufen. Es war ihnen offensichtlich nicht zu kalt!